Hier ein anspruchsvolle Tagestour durch die Probstei.
Vorgestellt von Frank Sachau im Kradblatt Ausgabe: 12/04
Mit Volldampf durch die Probstei.
Die Fahrt durch das abwechslungsreiche Stückchen Ostholstein, begrenzt durch Kieler Förde, Ostsee und Selenter See, gleicht einer Reise durch vergangene Jahrhunderte.
Sonntagmorgen am „Rasthuus an’t Krüz“ an der B 202 - die eine Hälfte Schleswig-Holsteins schläft noch,
die andere reist von weit her zum Klönschnack bei einem Pott Kaffee. Der Parkplatz an der Bundesstraße scheint aus allen Nähten zu platzen, sämtliche Motorradmarken und Mentalitäten sind
vertreten. Doch jeder Streetfighter aus dem Land der aufgehenden Sonne und jedes mit Chrom überzogene, zweirädrige Wohnklo mit Kochnische verkommt zur Nebensache, wenn die Mitglieder des Zündapp
Clubs Probstei stilecht angezogen, mit ihren liebevoll restaurierten Maschinen auf dem Treff erscheinen. Alte Erinnerungen werden wach - die erste Maschine vom schwer Ersparten, mächtig angeben
vor Freundin und Kumpeln, gekleidet in Jeans und Bundeswehr-Parka, aus dessen Brusttasche die Stielbürste ragt. Verdammt lang her!
Das Rasthaus ist oft Ausgangspunkt für manch gemeinsame Tour. Nur ein paar Fahrminuten entfernt glänzt die riesige Wasserfläche des Selenter Sees in der Morgensonne. An seiner Westseite lockt uns das Salzauer Herrenhaus. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ
Otto Graf Blome diesen Monumentalbau entstehen, damals ein krasser Gegensatz zu den ärmlichen Katen und Scheunen der umliegenden Dörfer, deren Bewohner es „Schloss“ Salzau nannten. Alljährlich steht es im Mittelpunkt des „Schleswig-Holstein Musik Festivals“. Später
umrunden wir Passader , Dobersdorfer See und
weiter über Bali auf Wegen, die nur als dünne Linien in der Karte zu finden sind.
Völlig planlos dagegen suchen wir nach dem Ausgang im Probsteierhagener Irrgarten - 2000 qm Gelände mit zwei Kilometern Heckenlabyrinth
lassen uns verzweifeln. Glücklich entkommen, orientieren wir uns neu - ein Stückchen die Hauptstraße hinunter liegt Suckow’s Gasthof,
in dem der Wirt Thomas Kuhn eine ausgezeichnete regionale Küche kredenzt. In seiner Freizeit tauscht er gern den Kochlöffel mit dem Schraubenschlüssel. Der nicht mehr benötigte Eiskeller des
Hotels wurde von Thomas und den Zündapp-Freunden zum Klubraum umgestaltet. Die zehn Mitglieder besitzen rund zwanzig
hervorragend gepflegte Maschinen und treffen sich jeden Donnerstag um Eine ganz besondere Duftnote umspielt unsere Nasen und ein bekannter Ton reizt unsere Trommelfelle. Dirk Meyer, der
sonst hinter dem Tresen des gegenüberliegenden, alten Probsteier Cafés steht und hausgebackene Kuchen und Torten auftischt, rollt mit seinem TÜV-geprüften Zündapp-Streetfighter auf den Hof.
Unsere Kinnladen klappen nach unten, Begeisterung macht sich breit, gern beantwortet er alle unsere Fragen zur Entstehung seines Prachtstückes. Bei der Gelegenheit erfahren wir auch etwas
Historisches zum Begriff „Probstei“. Vor fast 800 Jahren schenkte der damalige Landesherr Graf Adolf IV. den nördlichen Teil des heutigen
Kreises Plön an das Benediktinerinnenkloster in Preetz mit der Auflage, die Besiedelung und das Christentum voranzutreiben. Klostervorsteher war der Probst, also wurde der Landstrich Probstei und
seine Einwohner Probsteier genannt. Die Zeit verrinnt, der Blick auf die Borduhr holt uns zurück in die Gegenwart.
Die Route an den Laboer Ostseestrand hat es in sich - erst das dörfliche Kopfsteinpflaster passieren, dann über den verwaisten Schienenstrang Kiel - Schönberg rumpeln und an-schließend das
Fahrwerk kräftig massieren lassen auf dem Asphaltband durch Prasdorf und Lutterbek. An der Steilküste bei Stein tut sich ein beeindruckendes Panorama auf: Das
Seglerparadies Kieler Außenförde. Wenn die Temperaturen es zulassen, ist ein Bad am Strand zwischen Stein und Laboe ein Muß, der Genuss ist
kostenlos und das geliebte Zweirad parkt zum Greifen nahe. Schon von weitem ist der markante Turm des Marine-Ehrenmals zu erkennen. Aus 85 Meter Höhe kann man nicht nur die Dänischen Inseln Lolland und Langeland am Horizont erspähen, sondern auch die typische Knicklandschaft der
Probstei. Unter uns am Strand liegt der 1972 aufgestellte schlanke Rumpf des deutschen Weltkriegs II-Unterseebootes U 995. Bevor wir einen Blick ins Innere der Stahlröhre werfen, schlendern wir noch durch die Ausstellungshallen des Ehrenmals. In den Jahren 1927 bis 1936 erbaut, fand
das damals an die gefallenen Seeleute des 1. Weltkrieges erinnernde Bauwerk wegen seiner Schlichtheit bei den Machthabern des Dritten Reiches keine Sympathie. Das im September 1943 in Dienst
gestellte Tauchboot erlebte das Kriegsende in Trondheim und fuhr anschließend bis 1962 für die Königlich norwegische Marine.
Seemannsgarn kombiniert mit frischer Seeluft, das macht hungrig. Am Ende der Strandpromenade klappen wir unsere Seitenständer direkt am Laboer Hafen aus und lassen uns unter freiem Himmel leckeren Backfisch in Bierteig schmecken. Gut gestärkt setzen wir unsere Tagestour über Brodersdorf fort nach Krokau, wo wir der noch intakten Windmühle aus dem Jahr 1872 einen Besuch abstatten. Am jährlichen Mühlentag kann man die alte Dame „in Action“ erleben, wenn Mehl fürs
rustikale Mühlenbrot gemahlen wird. Für Ortsfremde kaum fassbar: Um zum nahen Schönberger Strand zu gelangen, muss man durch Kalifornien und Brasilien reisen! Zwei bei Campern und Drachenlenkern beliebte Strandabschnitte tragen diese kuriosen
Namen und liegen garantiert nicht in Amerika.
Im Museumsbahnhof Schönberg werden Kindheitsträume wach: Wer wollte nicht Lokführer werden, Stationsvorsteher oder
Straßenbahnlenker? Eisenbahnbegeisterte Schrauber sammeln und pflegen alles, was auf Schienen fährt. Früher rumpelte der Dampfzug „Hein Schönberg“ vom Kieler Hauptbahnhof durch die Probstei bis
an den Schönberger Strand. Ein beschauliches Erlebnis, denn selbstverständlich war das Blumenpflücken während der Fahrt erlaubt. Heute haben die Museumsbahner tief in die Trickkiste gegriffen und
sich für die Wochenenden etwas ganz besonderes ausgedacht: Mit dem Fördedampfer von Kiel nach Schönberg
schippern und von dort mit einem antiken Sonderzug zurück in die Landeshauptstadt. Wir lassen unsere Bikes auf dem Parkplatz Stakendorfer Fischerhütten stehen, spazieren über den Deich und flanieren hinaus zum Molenkopf
der Seebrücke. Eis in der Hand, frischen Wind um die Nase und Udo Lindenbergs Hit auf den Lippen: „Hinter’m Horizont geht’s weiter..“.